(Selbstbestimmtes) Homeschooling wagen

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Eine Initiative für eine unbeschwerte Kindheit ab Schuljahr 2020/21 von Svenja Herget

„Homeschooling“ nannte die Regierung die Form der Beschulung in Zeiten der Schulschließungen, die die Länderregierungen ohne Vorbereitungszeit für Schulen, Lehrer und Familien im März 2020 von einem Tag auf den anderen beschlossen und durchsetzten.

Warum haben sie die Kinder nicht einfach in eine Art „Corona-Ferien“ geschickt? Dann hätten die Kinder ihren Interessen nachgehen und sich in Ruhe auf die neue Situation einstimmen können. Die Lehrer hätten Zeit gehabt, innezuhalten und ein für alle stimmiges Distanzlernen zu planen.

Und die Eltern hätten dann lediglich eine Betreuung für ihre Kinder suchen müssen. So aber waren sie gerade bei jüngeren Schulkindern vor allem mit dem Kontakt zur Schule, mit Technik (jede Schule und oft auch jeder Lehrer regelte das unterschiedlich) und dem Erklären und oft auch gemeinsamen Bearbeiten der Arbeitsaufträge aus der Schule beschäftigt. Allein das Ausdrucken von Arbeitsblättern und das Zurücksenden der bearbeiteten Aufgaben nahm bei mehreren Kindern oft täglich über eine Stunde in Anspruch!

Für viele Eltern war es ein Spagat, ihre eigene Arbeit zu regeln und gleichzeitig den Anforderungen der Schule gerecht zu werden, ohne sich zum Hilfslehrer degradieren zu lassen und die Beziehung zu den eigenen Kindern zu gefährden. Viele Familien waren daher froh, als die Schulen allmählich wieder öffneten und wieder ein geregelter Alltag einkehrte. 

Die Eltern konnten mit Einschränkungen (ständig konnten schließlich Quarantänemaßnahmen verhängt werden) ihrer Arbeit nachgehen, und die Kinder und Jugendlichen konnten ihre Freunde in der Schule wieder treffen – auch wenn der Schulalltag mit Abstand und später auch mit Maske und Testregime nun ganz anders aussah als früher.

Jedoch nicht alle Familien warteten sehnsüchtig darauf, daß die Schulen wieder öffneten.

Manche Familien entdeckten in dieser Zeit, wie schön es ist, in der Familie zusammen zu sein und viel Zeit miteinander zu verbringen, nicht früh aufstehen zu müssen, den Tag nicht durchgetaktet zu haben und nicht immer von einem Termin zum nächsten hetzen zu müssen. Manche Eltern entdeckten ihre Kinder neu und genossen den neuen Familienalltag, der nun so unvermutet entstanden war. Ein spätes ausgiebiges gemeinsames Frühstück war dort oft der Start in einen Tag, an dem nach einer Zeit gemeinsamen Arbeitens jeder seinen Interessen nachgehen konnte. Insbesondere Familien mit mehreren Kindern waren in der Zeit der Kontaktbeschränkungen und -verbote im Vorteil, zumal wenn sie selbst keine Angst vor Ansteckung hatten und somit ihren Kindern in der allgemeinen Angst vor einer Corona-Erkrankung Gelassenheit signalisierten.

Homeschooling – auf Deutsch Hausunterricht bzw. Heimunterricht oder häuslicher Unterricht – bedeutet, daß Eltern oder ein Hauslehrer die Kinder zuhause selbst beschulen, und das war im Frühjahr 2020 eigentlich nicht vorgesehen. Denn dazu hätte man den Eltern viel mehr Unterstützung geben müssen! Und doch entstand in vielen Familien eine Art Homeschooling, die ihnen gefiel: das traute Zusammensitzen am Küchentisch, das Verständnis der Mama, wenn das Kind nicht so schnell rechnete, wie es in der Schule verlangt war, die Möglichkeit, sich zwischendurch nach Bedarf bewegen oder bei schönem Wetter rausgehen und die Aufgaben abends machen zu können, die Zeitersparnis, wenn das Kind manche Aufgaben schnell erledigen kann und nicht wie in der Schule noch auf den Letzten warten muß, und vieles mehr.

So wollten im Sommer 2020 viele Kinder nicht mehr zurück zur Schule gehen – und angesichts der zahlreichen Unwägbarkeiten und der oft rigide durchgeführten Zwangsmaßnahmen wie Maske, Testpflicht und später Impfdruck wollten viele Eltern ihre Kinder der Schule auch nicht mehr anvertrauen.

Ich bin Lehrerin von Beruf und habe als Adoptiv- und Pflegemutter reichlich Erfahrung im selbstbestimmten – also nicht von einer Schule angeleiteten – Homeschooling. Unsere vier Kinder haben zum Teil mehrere unterschiedliche externe Abschlüsse gemacht, inklusive Abitur. Es geht!

Mit der Initiative „Homeschooling wagen“ begann ich ab Sommer 2020 Eltern zu unterstützen, deren Kinder nicht mehr zur Schule gehen wollten. Ich hielt in verschiedenen Städten Vorträge darüber, wie Eltern die sogenannten „Nebenfächer“ in den Familienalltag integrieren und mit welchen Büchern und Materialien sie ihren Kindern die Lerninhalte in Deutsch, Mathe und den Sprachen in ungefähr einer Stunde täglich beibringen können. Auf meiner Internetseite www.homeschooling-wagen.org stelle ich Bücher und Hefte vor, die sich nach meiner Einschätzung als Lehrerin aufgrund ihres passenden Erklärteils und ihrer ansprechenden Darstellung für ein selbstbestimmtes Homeschooling eignen. Wie man damit arbeitet, erkläre ich in beigefügten Videos, in kostenlosen Online-Treffen und in einem 10-teiligen „Homeschooling-Seminar“, bei dem über ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen ein Online-Treffen jeweils zu einem Teilbereich der Kernfächer stattfindet (Rechtschreibung, Grammatik, Geometrie usw.).

Auf meiner Internetseite finden interessierte Eltern außerdem von mir verfaßte Texte zu speziellen Lerninhalten wie z.B. „1. und 2. Klasse: Lesen und schreiben lernen“, „Die Uhr“ oder „Verkehrserziehung“, zu pädagogischen Fragen wie z. B. „Medien“, „Kindergarten- und Vorschulalter“ oder „Kinder und Haustiere“ und zur Gestaltung des Familienalltags wie „Rhythmen und Rituale“ oder „Feste feiern“.

In den Posts auf meinem Telegramkanal „Homeschooling wagen“ zeige ich, wie viel des in Lehrplänen mühsam aufgegliederten „Lernstoffs“ im alltäglichen Leben und Erfahren steckt.

Mit den eigenen Kindern das Schwimmen erlernen, Schlittschuh und Ski fahren (Sport), singen und musizieren (Musik), aus der Kinderbibel vorlesen oder anderweitig die eigene Spiritualität pflegen (Religion), kochen und backen (Hauswirtschaft), mit Papa an der Werkbank werkeln (Werken), mit Mama nähen oder stricken (Handarbeit) und so weiter – eine aktive Familie erfüllt viele der sogenannten „Lerninhalte“ ganz nebenbei!

Und ohne Schule bleibt auch viel mehr Zeit dafür! Wenn ein Kind beispielsweise eine Mütze stricken möchte, dann kann es zuhause auch einfach eine Woche am Stück stricken und die Handarbeit fertigstellen und muß nicht auf die nächste Handarbeitsstunde warten, die vielleicht erst in zwei Wochen nach den Ferien und dann wegen Unterrichtsausfalls doch erst drei oder sogar vier Wochen später stattfindet – und wo die Lehrerin dann wegen der Vielzahl der Kinder in der Klasse dem einzelnen Kind kaum helfen kann.

Zuhause lernende Kinder können außerdem heimische und auswärtige Museen, Ausstellungen, Burgen und Ähnliches besuchen. Da sie keinem engen Zeitplan unterliegen, können sie die dort gesammelten Informationen und Erfahrungen mit viel mehr Muße verarbeiten, darüber nachdenken, sich weiter informieren oder etwas dazu gestalten.

Ich bin auch immer wieder fasziniert davon, wie offen diese Kinder und Jugendlichen oft auf Erwachsene zugehen und wie ungezwungen und ebenbürtig sie sich mit ihnen unterhalten. Sie erleben Erwachsene nicht als Menschen, von denen sie ständig bewertet und beurteilt werden und die ihnen unbedingt etwas beibringen wollen, sondern vielmehr als Menschen, die sie etwas fragen können. Dabei sind es die Kinder und Jugendlichen, die entscheiden, was sie interessiert und von wem sie gern etwas erfahren und lernen möchten – und von wem eben nicht.

Es ist allgemein anerkannt, daß es vielen Kindern in der Schule nicht gut geht. Mobbing ist nicht nur ein Problem unter Klassenkameraden – gerade maskenbefreite Kinder klagen oft darüber, daß sie von einem Lehrer oder einer Lehrerin gemobbt werden. Andere Kinder leiden unter dem Notendruck, den ständigen Bewertungen, dem Zeitdruck, der fehlenden Wertschätzung für ihre individuellen Vorlieben und Begabungen, darunter, daß sie seit einigen Jahren ihre Meinung nicht mehr offen sagen dürfen, ohne verspottet zu werden usw. Die Gründe dafür, daß sich ein Kind oder ein Jugendlicher an der Schule nicht wohlfühlt, sind vielfältig. Die Regierungsmaßnahmen in den vergangenen drei Jahren haben die Not der Kinder und Jugendlichen enorm verstärkt: Psychische Erkrankungen haben in den Jahren 2020-22 massiv zugenommen1 und während des zweiten Lockdowns 2021 gab es einen starken Anstieg der Suizidrate2. 

Deutschland ist weltweit eines der wenigen Länder mit rigide geahndeter Schulanwesenheitspflicht. Im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz wird sogar ausdrücklich das Wort „Schulzwang“ genannt. Eltern, die ihr Kind nicht in die Schule zwingen, erhalten hohe Buß- und teilweise sogar Zwangsgelder (letztere können mehrmals verhängt werden), und die Verantwortlichen in den Behörden drohen mit teilweisem oder vollständigem Entzug des Sorgerechts – zumeist unabhängig davon, ob Mitarbeiter des Jugendamts bei ihren Hausbesuchen eine tatsächliche Kindeswohlgefährdung feststellen oder nicht.

Gleichzeitig häufen sich in Deutschland die Nachrichten über massiven Lehrermangel und darüber, daß es Schulen nicht mehr gelingt, Schülern einen Mindeststandard an Kenntnissen und Fähigkeiten zu vermitteln. Angesichts dieser Tatsachen mutet es grotesk an, daß hierzulande selbst Eltern mit pädagogischer und teilweise sogar Lehrerausbildung ihre Kinder nicht selbst zuhause beschulen dürfen!

Deshalb fordern wir: Schafft die Schulpflicht ab! Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, ob sie sich in einer Schule, zuhause oder in Lerngruppen bilden möchten. Sie brauchen eine wahrhaft freie Bildungsentscheidung. Erfahrungen mit Homeschooling gibt es weltweit reichlich. Externe Abschlußprüfungen sind heute schon möglich, und es gibt auch außerhalb der Schule gute Bücher und Angebote, um sich darauf vorzubereiten.

Und wenn ein Heranwachsender nach einer gewissen Zeit doch wieder eine Schule besuchen möchte, können alle Beteiligten jederzeit mit einer Eingangsprüfung oder einer Probezeit gemeinsam entscheiden, welche Klassenstufe dann jeweils geeignet ist.

Kontakt:
www.homeschooling-wagen.org

Den vollständig bebilderten Artikel lesen Sie im WALNUSSblatt Nr. 9, „Mut zur Wahrhaftigkeit“.

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