Tsadik Katamar – Wie die Zeder im Libanon

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Von Beate Lambert

Es begann im Jahre 1992. Ich war achtundzwanzig und lebte mit Mann und drei Kindern in New York. Über die Kinder hatten wir sofort Kontakt zu vielen Menschen und ich habe mich selten so eingebunden gefühlt wie in dieser Zeit. Wir lieben es ja, die Amerikaner als „oberflächlich“ zu betrachten, ich habe sie damals einfach nur als so viel freundlicher und zugewandter erlebt als die Deutschen, die einen Fremden vorsichtshalber lieber einmal zu wenig anlächeln als einmal zu viel.

Bei einem Schulfest versammelten sich ungefähr 200 Kinder und Eltern in der Aula und ein Papa leitete Folkloretänze an. Hier lernte ich „Tzadik Katamar“ kennen. Die ersten sechzehn Takte klappten ganz gut, die zweiten sechzehn Takte mündeten jeweils in ein herrliches, buntes Durcheinander mit viel Gelächter und der arme Papa hatte teilweise Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Ich war glücklich, weil ich schon immer gern getanzt hatte und auch stolz, da ich natürlich auch die zweiten sechzehn Takte schnell drauf hatte. 

In meiner Begeisterung sprach ich den Tanzleiter an, um ihn nach der Musik zu fragen und siehe da: er sprach nicht nur deutsch – er war sogar schon mal in Marburg gewesen! So ein unglaublicher Zufall! Sein Name war Stephen Kotansky und er erzählte mir, dass er die Tänze von einem gewissen Bernhard Wosien gelernt habe. Da ich noch nie an Zufälle geglaubt habe, war ich Feuer und Flamme und er bekam seinerseits große Ohren als er hörte, dass ich Musikerin bin. Noch am gleichen Abend gründeten wir mit zwei anderen Papas zusammen eine Folkloreband, mit der wir uns wöchentlich trafen und so manches Mal zum Tanz aufspielten.

Nach diesem Jahr mussten wir leider nach Deutschland zurück. Hier lächelte keiner mehr, um Punkt 18 Uhr schlossen alle Geschäfte, von der bunten Gesellschaft war nur noch die weiße Mittelschicht übrig und der Herbst hatte nichts von „Indian Summer“, sondern war regnerisch, grau und trist. Die Kinder, die mit fliegenden Fahnen und einer vagen Vorstellung von Cowboys und Indianern mit uns nach Amiland gezogen waren, hatten große Schwierigkeiten, wieder in ihrer „Heimat“ anzukommen und kamen mit dem „Ernst des Lebens“ in der deutschen Schule nur langsam zurecht. 

Immerhin gab es aber ein Herbstfest an der Schule und – juchuh! – eine große blonde Frau kündigte an, israelische Volkstänze anleiten zu wollen, für diejenigen, die Lust hätten. Hier waren wir nun keine 200 Kinder und Eltern (obwohl so viele da gewesen wären), sondern vielleicht acht oder neun Frauen, die bereit waren, sich mal auf etwas Neues einzulassen. Aber das Tanzen machte genau so viel Spaß und gleich als zweiter Tanz kam „Tzadik Katamar“. Ich war wieder voll in meinem Element, spürte das Glück im Herz und in den Beinen und fühlte mich endlich wieder verbunden.

Noch am gleichen Nachmittag gründeten wir die israelische Tanzgruppe „Kol ha laila“ (die ganze Nacht). Acht oder neun Mamas, ich wie immer in Schulkreisen das Nesthäkchen. Von nun an trafen wir uns jeden Donnerstag in der kleinen Aula der Waldorfschule und übten „Mayims“ „Yemeniten“ und „Tscherkessen“. „Tsadik Katamar“ war immer mit dabei. Manchmal tanzten wir auch im Kindheitsmuseum oder im Eurythmiesaal und unsere Tanzpause wurde immer länger, immer freundschaftlicher und immer leckerer.

Parallel dazu belegte ich noch an der Uni in Gießen, wo ich Musikpädagogik studierte, einen Folklore-Tanzkurs bei einem gewissen Fido Wagler. Da wir oft gemeinsam mit der Bahn nach Marburg zurück fuhren lernten wir uns ganz gut kennen. Als ich erfuhr, dass er schon Mitte 40 ist, war ich erstaunt, dass man in diesem hohen Alter noch so gelenkig sein kann. Hier lernte ich noch russische, rumänische und griechische Tänze und Fido erzählte von seinem Lehrer Bernhard Wosien. Hatte ich den Namen nicht schon mal irgendwo gehört? 

Mit Sabine, unserer Israelisch-Tanzlehrerin freundete ich mich an und als ich 1996 wegen eines Unfalls drei Gruppen musikalische Früherziehung in Frankenberg aufgeben musste, gab ich den Job an sie weiter. Dort lernte sie Kurt, den Vater eines Musikschulkindes kennen und wenig später zog sie mit ihren vier Kindern in sein großes, altes Pfarrhaus am Edersee. Aber unsere Tanzgruppe war ihr so heilig, dass sie jeden Donnerstag 45 Minuten nach Marburg fuhr. 

Ich beendete mein Studium – wir tanzten. Ich wurde Kinderliedermacherin – wir tanzten. Meine Ehe ging in die Brüche – wir tanzten. Meine Kinder kamen in die Pubertät – wir tanzten. Ich war immer öfter unterwegs, aber wenn es sich machen ließ, versuchte ich schon beim Buchen der Termine den Donnerstag frei zu halten. Wir wurden immer besser und „Tsadik Katamar“ war als Anfängertanz in der Versenkung verschwunden.

Aber es gab ja auch noch die Tanzwochenenden mit Fido und Uli. Da stand er neben einigen anderen Evergreens immer wieder auf dem Programm. Viele, viele Freitage und Samstage tanzten wir zusammen. Ich besorgte mir die Noten und spielte allein und mit anderen zusammen die schönen Lieder. Lernte Sieben-Achtel und Neun-Achtel-Takte kennen – spannend! Der Plan, die Tanzwochenenden mit Livemusik zu begleiten, scheiterte unter anderem daran, dass man nicht gleichzeitig spielen und tanzen kann. Schon immer mein Dilemma. Wenn ich spiele und die Menschen anfangen zu tanzen, möchte ich auch tanzen!

Ich gründete die Musikgruppe „Bel Walka“. Hört sich irgendwie russisch an… oder vielleicht italienisch?
Falsch. Der Name setzte sich schlichtweg aus Beate, Elke, Walter und Katharina zusammen. Und wir spielten israelische, russische, griechische und brasilianische Folklore. Meine Aufgabe war es, wenn die Band sich „eingegroovt“ hatte, von der Bühne zu springen und den erstbesten Menschen an die Hand zu nehmen und in den Tanz zu ziehen. Ich erinnere einen Auftritt in Bad Homburg, als wir immer noch spielten und tanzten, als die Aufräumtrupps schon die Biertische und -bänke zusammenklappten. 

Meine Kinder zogen aus – wir tanzten. Mein erster Enkel wurde geboren – wir tanzten. Ich war frisch verliebt – wir tanzten. Mein Vater starb – wir tanzten. Nun beschäftigte ich mich mit der Auswirkung des Singens auf die Menschen und tourte durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Ich rutschte zunehmend vom Kinder- in den Erwachsenenbereich und wurde als Referentin bei Fachtagen und Kongressen engagiert. Da traf ich dann Fido plötzlich auf der Psychomotorik-Tagung in Bad Orb wieder und wir tanzten „Tsadik Katamar“ mit 100 Menschen. 

2015 starb Kurt ganz unerwartet mit nur 60 Jahren und Sabine beschloss in ein kleineres Haus näher an Marburg zu ziehen. Ich kaufte das alte Pfarrhaus in Kirchlotheim, das ich schon so lange kannte und erfüllte mir den Traum eines eigenen kleinen Seminarhauses. Nun kann ich die Menschen zu mir kommen lassen – was für ein Luxus! Die erste größere Investition nach der Renovierung war eine 60qm Tanz- und Qigong-Terrasse. Dort empfing ich jetzt viele Menschen, mit denen ich sang, Ukulele lernte, Qigong machte und tanzte. Der „Anfängertanz“ „Tsadik Katamar“ war wieder da!

Dann kam Corona und damit das Tanzverbot. Nach dreißig Jahren regelmäßigem Tanz war ich so ausgehungert, dass ich gestern Fidos Onlineangebot dankbar annahm. Er forderte uns auf, unsere Tanzgeschichte zu schicken und erzählte den Studenten von Bernhard Wosien, diesem ehemaligen Ballettänzer, der die „hohe Kunst“ irgendwann an den Nagel gehängt hatte, um von da an die Tänze der Völker zu erforschen. Allein über Fido Wagler und Stephen Kotansky wurden sie schon auf zwei ganz verschiedenen Erdteilen hundertfach verbreitet – und er hatte so viele Schüler. Wie wunderbar, dass das Werk eines einzelnen Menschen tausende von anderen inspirieren und beglücken kann!

Und dann spielte Fido „Tsadik Katamar“ und meinte „Beate kennt ihn sicher“. Und ob ich den kenne!

Während unserer dreißigjährigen Bekanntschaft hatte ich ihn mir nie übergetanzt. Und plötzlich wurde mir klar, wie das Tanzen – und speziell dieser Tanz – mein Leben geprägt haben. Einen kleinen Teil davon habt ihr in dieser Geschichte gelesen. Der größere Teil ist tief in meiner Seele verwurzelt, in meinen Füßen gespeichert und in meinem Lächeln gegenwärtig. Tanzen ist Leben und „die Gerechten sollen blühen, wie die Palme und mächtig wachsen wie die Zeder im Libanon.“ So lautet der Text von „Tsadik Kadamar“.

Weitere Informationen:
www.beatelambert.de
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