Ein starker Trost! So macht es der Schmetterling …

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„Abbruch und Aufbau – zwei Welten?“ – diese Überschrift zierte das zweite WALNUSSblatt. Diese, für mich seinerzeit noch etwas diffuse Aussage, sollte sich in den folgenden Monaten als Gewißheit herauskristallisieren. Wir erleben hautnah den Zusammenbruch gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Strukturen – und ganzer Weltbilder.

Nicht wenigen droht es dabei, mit in den Abgrund gerissen zu werden. Vornehmlich sind das diejenigen, welche immer noch an all den Schimären und lebensfeindlichen Ideologien festhalten, und die sich die längst eingeleiteten Veränderungsprozesse nicht eingestehen wollen. Andere dagegen essen Popcorn und vertrauen stoisch auf die hoffnungsvollen Erzählungen im Internet. 

Eine weitere Gruppe von Menschen aber akzeptiert die Drangsal als eine buchstäblich not-wendige und treibende Kraft, die uns dabei unterstützt, endlich „aus dem Quark“ zu kommen. Die Analogie zu den „Imagozellen“ drängt sich förmlich auf.

Wechseln wir kurz in die Vogelperspektive, ohne zu sehr abzuheben. Nur bis dorthin, wo wir eine Ahnung davon bekommen, wie wir uns im Laufe der Jahre, Jahrtausende und darüber hinaus, den beklagenswerten Schlamassel selbst eingebrockt haben könnten. Eine Aussage, die manchen Lesern verständlicherweise den Blutdruck hochtreibt. Auch ich habe mich schwer damit getan (und tue es manchmal immer noch), mir mein Mitwirken – welchen Umständen es auch immer geschuldet war und teilweise noch ist – einzugestehen. Aber wenn ich nicht „schuld“ bin – woher sonst kommt dann der Wunsch, es heute und morgen selbst besser zu machen als gestern noch?  

Imagozellen

Der Blogger Jo von Beust hat das Phänomen schon 2012 wie folgt zusammengefaßt:

Wenn die Zeit gekommen ist, bildet sich im Raupenkörper eine neue Art von Zellen, die bereits die Anlagen, die Imagination, die Vision des künftigen Schmetterlings in sich tragen. Norie Huddle (amerikanische Schriftstellerin) nennt sie „Imagozellen“. Das Immunsystem der Raupe greift diese Zellen als fremdartig an und vernichtet oder unterdrückt die ersten Generationen. Doch die Zellen wandeln sich, werden immer mehr und widerstandsfähiger, während das „Raupensystem“ immer schwächer wird. Die Zellen verklumpen schließlich und bilden kleine, autarke Nester, sie infizieren auch Raupenzellen, und siedeln sich an den Stellen im Raupenkörper an, wo sie künftig im Schmetterling eine Aufgabe oder Funktion wahrnehmen werden. In der letzten Phase vernetzen sich die einzelnen Zellklumpen mit langen Fäden, die den ganzen Raupenkörper durchziehen … und schließlich „erkennen“ sich die Zellen als Ganzes und in einem unglaublichen Prozeß bildet sich innerhalb des sterbenden Raupenkörpers der bunte, flugfähige, völlig anders als die Raupe geartete Schmetterling.

Weiter fährt er damit fort, wie sich dieses Vernetzen der Zellen als Analogie auf die heutigen Widerstands- und Graswurzelbewegungen übertragen läßt und bezieht sich auf ein Gespräch zwischen dem philippinischen Umweltaktivist Nicanor Perlas und dem Politologen Geseko von Lübke:

Überall auf der Welt entstehen derzeit Imagozellen, zunächst einzelne Menschen, die sich dann in Gruppen zusammentun und, von den verschiedensten persönlichen, politischen, ökonomischen, ökologischen Anliegen getrieben, ein anderes „Dasein“ anstreben. (…)

Ihnen ist der „große Plan“ meist nicht bewußt, daß es darum geht, einen großartigen Wandlungsprozeß zu initiieren, zu tragen und zu gestalten, der etwas völlig Neues, heute noch Undenkbares hervorbringen wird. Doch durch die weltweite Vernetzung wird es immer mehr Menschen bewußter, und diejenigen, denen es bewußt wird, verzichten bewußt darauf, das Neue benennen zu wollen. So muß jeder selbst herausfinden, welche Form von Imagozelle er sein könnte und welchen Platz er im „Schmetterlingssystem“ einnehmen wird (ein Farbtupfer z. B.). Jeder einzelne muß sich kräftigen, um dem Raub(pen)system zu widerstehen, Krisen sind hier an der Tagesordnung, Zweifel, Angst, Verlassenheit ebenso. Hier gilt es auch dem „Nährenden“, wenn auch für die Imagos zerstörerischen Raubsystem, Würdigung entgegenzubringen. Der Niedergang dieses Systems kann auch als mythisches Opfer betrachtet werden, auch das beharrende Alte, der Schatten, muß als Erinnerung mit genommen werden in die leuchtend-farbige luftige Zukunft. Vielleicht sind viele von uns stark damit beschäftigt, als Imagozelle überhaupt zu überleben. Die Zeit der Vernetzung wird aber kommen und diese wird womöglich auf ganz anderen Wegen erfolgen, als wir uns das heute vorstellen. Sie wird von selbst passieren.

Daß es „von es selbst“ passiert heißt aber nicht, daß wir die Hände in den Schoß legen können. Vielmehr werden wir nun zunehmend auf uns selbst – oder besser „unser Selbst“ – zurückgeworfen. Schließlich wird nicht aus jeder Raupe ein prächtiger Schmetterling; erst unsere innerste Ausrichtung kann die Transformation gelingen lassen. Ich finde, die Analogie ergibt Sinn und macht Mut. Wann und wie genau dieses „Alte“ endet, darüber können wir ja doch nur spekulieren, uns dabei im Loslassen üben und herausfinden, wer wir sind, was zu uns gehört – und was nicht.

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